Warum die Lebensqualität in beliebten Städten sinkt

In keiner anderen Stadt steigen die Immobilienpreise schneller auf der Welt als in Berlin.1 Ich wohne in Friedrichshain-Kreuzberg, quasi dem Epizentrum der Krise und bekomme persönlich mit, wie sich die Stadt durch die hohe Nachfrage verändert.

Zu Beginn hat die Attraktivität der Stadt noch für neue Geschäfte und mehr Kulturangebote geführt, doch dieser Punkt wurde schon lange überschritten. Heute sind die Mietpreise in weiten Teilen der Stadt für viele unbezahlbar, kulturelle Orte schließen oder werden in Randbezirke verdrängt und die Stadt wird dunkler, voller und lauter.

Weil das in den meisten Großstädten passiert, wird diese Entwicklung als unausweichlich oder als unlösbar wahrgenommen. Wer sich allerdings mit ihr auseinandersetzt, stellt fest, dass sie keinen logischen, sondern ideologischen Ursprung hat. Die Logik bietet bessere Alternativen.

#Das Problem

Jeder Raum ist eine begrenzte Ressource. Wenn ein Ort für immer mehr Menschen attraktiv wird, kann ein Punkt erreicht werden, an dem der Platz in diesem Raum nicht mehr für alle, die dort gerne sein würden, ausreicht.

Der endliche Raum bietet dann ein zu geringes Angebot für eine zu hohe Nachfrage, welche durch dessen Attraktivität zustande kommt.

#Warum der Markt versagt

Die Lösungen für solch eine Situation nach Marktideologie sind:

  1. Nachfrage durch den Preis regeln
  2. Angebot durch Bauen erhöhen

Die automatische Lösung des Marktes ist also, dass der Aufenthalt im Raum teurer und der Raum verdichtet wird. Das mag in erster Betrachtung logisch erscheinen, ignoriert allerdings den Ursprung des Problems: die Qualitäten des Raums, woraus dessen Attraktivität entstanden ist.

Wenn zum Beispiel die Attraktivität eines Ortes darin besteht, dass es dort günstig ist zu leben (was zu hohem Maße bei Berlin der Fall war), bedeutet das Erhöhen des Preises lediglich den Ort unattraktiver zu machen. Er wird unattraktiver für Menschen die dort hinziehen möchten und Menschen die dort schon leben.

Wenn viele Freiflächen und Freiräume der Grund für die Attraktivität eines Ortes sind, was auch ein Merkmal von Berlin war, bedeutet das Bebauen dieser Flächen ebenfalls, dass die Attraktivität des Raums gesenkt wird indem man den Grund der Anziehungskraft zerstört.

Die unbeantwortete Frage von “marktkonformen” Lösungen ist:

Wie kann ein Raum teurer und verdichtet werden, ohne dadurch seine Qualitäten und somit Attraktivität zu verlieren?

Welche Stadt hat es geschafft deutlich mehr Menschen aufzunehmen ohne dabei Qualitäten zu verlieren? Welche Stadt wurde deutlich teurer ohne Kulturangebote und finanziell Benachteiligte zu verdrängen? Welche Stadt hat alle Flächen zugebaut ohne dabei die Luftqualität, Zugang zu natürlichem Licht und den Lärmpegel zu verschlechtern?

Es ist naiv zu behaupten man könne die Anzahl von Menschen pro Quadratmeter ins Unendliche steigern ohne dabei auf Probleme zu stoßen. Auch bei mäßigem Zuwachs gibt es keine Garantie, dass der usprüngliche Charakter des Ortes unverändert bleibt. Selbst wenn man jegliche Wertungen zurückstellt, besteht immer noch die Frage, wie man einen begrenzten Raum für mehr Menschen zugänglich machen kann ohne ihn zu verändern. Denn jede Veränderung bringt immer auch Nachteile mit sich.

Der Markt zumindest beantwortet diese Frage nicht. Dessen einzige Lösung ist das Verändern des Raums, was unumgänglich auch seine Qualitäten verändert.

#Logische Lösungen

Was also ist die Alternative? Wenn jede Änderung eines Raums dessen Qualitäten beeinflusst, man diese aber nicht gefährden möchte, folgen daraus zwei logische Maßnahmen:

  1. Die Qualitäten des Raums durch politische Maßnahmen schützen
  2. Den Raum in der Fläche qualitativ erweitern

#Qualitätssicherung

Punkt 1 ist was die Berliner Regierung mit dem Mietendeckel2 erreichen könnte. Wenn eine Qualität von Berlin die geringen Immobilien- und Mietpreise für viele Menschen war, kann diese nur gesichert werden, wenn sie gesetztlich geschützt wird. Der Markt richtet den Preis allein nach der Nachfrage aus und kann diese Qualität daher nicht sicherstellen.

Berlin ist hier ein Beispiel. Städte wie Paris3 und Athen4 haben erkannt, dass ihre traditionelle Architektur eine ihrer Qualitäten ist. Deshalb ist dort zum Beispiel die Maximalhöhe von Gebäuden gesetzlich geregelt. Sonst könnte der Eiffelturm umzingelt von Wolkenkratzern sein, welche deutlich höher sind als er selbst.

Neben ursprünglich günstigen Preisen, sind weitere Qualitäten von Berlin dessen Kulturangebot und Geschichte. Hier fehlt es noch an politischen Maßnahmen. Weder sind Clubs als Kulturorte geschützt, noch werden historische Denkmäler wie die Berliner Mauer in der Stadtplanung gewürdigt. Statt Museen, Infotafeln und öffentlichen Plätzen für Bewohner und Touristen findet man um die Mauer an der East Side Gallery herum Vergnügungsviertel und Werbebildschirme. Teile der Mauer wurden sogar für Luxuswohnungen an der Spree abgerissen.

#Qualitätsexpansion

Punkt 2 löst die steigende Nachfrage. Wenn Bezirke wie Friedrichshain-Kreuzberg und Prenzlauer Berg beliebt sind, warum sollte man nicht ihre Qualitäten auf andere Stadtteile ausweiten?

Freiflächen bebauen und mit Hochhäusern die Anzahl der Menschen in einem Raum drastisch zu erhöhen gefährdet die Anreize eines Kiezes. Besser wäre es Firmen finanzielle Anreize zu geben, damit sie sich in anderen Bezirken ansiedeln. Man könnte Künstlern in weniger beliebten Bezirken Räume zur Verfügung stellen, damit diese aufgewertet werden. Außerdem sollte in die Verbindung zwischen den Bezirken, wie dem öffentlichen Nahverkehr und Radwegen, investiert werden, damit ein effektives Bewegen innerhalb der Stadt ermöglicht wird.

Je größer der Raum ist, welcher für Menschen eine Attraktivität ausstrahlt, desto mehr Menschen können an dessen Qualitäten teilhaben. Konstruktive Expansion statt destruktive Konzentration.

Dabei sollte die Identität eines Bezirks berücksichtigt werden. Wenn am Potsdamer Platz weitere Hochhäuser gebaut werden, gefährdet das nicht dessen Image oder die Merkmale des Viertels — im Gegenteil, es wird konsequent fortgeführt. In Friedrichshain sechs Hochäuser hochzuziehen, welche über die Wohnblöcke ragen5 und einen deutlichen Anstieg an Menschen im Viertel verursachen, ist jedoch ein massiver Eingriff in dessen Struktur und Identität.

#Fazit

Es ist ein gutes Zeichen, wenn eine Stadt viele Menschen anzieht. Statt ihre Qualitäten, welche sich im Laufe der Zeit in diesem Raum entwickelt haben zu gefährden, sollte man diese mit politischen Regelungen schützen und auf andere Bezirke ausweiten.

Die Logik des Marktes resultiert im Gegenteil. Sie verändert die Stadt bis zur Unkenntnis und macht den Aufenthalt in ihr teuer. Diese Entwicklung ist kein Naturgesetz, sondern wird politisch gestaltet. Man muss nur Parteien wählen, die das verstehen.

Kritiker von Maßnahmen wie dem Mietendeckel würde ich folgende Frage stellen: Wie skaliert man einen Raum, der aufgrund geringer Preise und geringer Anzahl von Menschen attraktiv ist ohne diese Qualitäten zu verlieren?


  1. https://www.theguardian.com/world/2018/apr/10/berlin-world-fastest-rising-property-prices
  2. https://mietendeckel.berlin.de/
  3. https://parispropertygroup.com/blog/2015/rise-paris-city-center-skyscrapers/
  4. https://greece.greekreporter.com/2019/03/04/greek-authorities-set-height-limit-for-buildings-near-acropolis/
  5. https://josef-gartner.permasteelisagroup.com/project-detail?project=2112
@max_hoffmann