Irrationales Sicherheitsgefühl

Worauf basiert dein grenzenlos scheinender Optimismus, dass die Wissenschaft bei der Klimakrise komplett falsch liegt?

Diese Frage stelle ich mir immer häufiger, wenn ich mit Menschen außerhalb der Klimabewegung spreche.

Meine These ist, dass die Paralyse der Bevölkerung in Bezug auf die Klimakrise auf die eigene Lebenserfahrung zurückzuführen ist. Es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, die ihr ganzes Leben lang im Paradies des Wohlstands leben konnten, denen jahrelang endloses Wachstum und eine bessere Zukunft propagiert wurde und in der große Umbrüche oder Krisen nicht stattgefunden haben oder größtenteils glimpflich ausgegangen sind (wie der Fall der Mauer).

Gleichzeitig hat sich unsere Normalität in nur einer Generation so rasant in vollkommen absurde Verhältnisse verschoben, dass niemand die Zeit hatte diese Veränderungen zu hinterfragen. In den 50ern gab es in Deutschland noch knapp 600 Tausend Autos, jetzt nehmen 47 Millionen den öffentlichen Raum ein. Die Anzahl von Flugreisenden hat sich von 25 Millionen in den 50ern bis heute vervierzigfacht auf über eine Milliarde. Die Massentierhaltung hat erst in den 60er Jahren begonnen, dennoch wird darüber geredet als wäre täglicher Fleischkonsum eine jahrhundertealte Tradition.

Der exponentielle technologische Fortschritt verschiebt die Normalität so schnell, dass wir vergessen wie unser Leben noch vor wenigen Jahren ausgesehen hat – Nachteile und Vorteile miteingeschlossen.

Unsere Gesellschaft leidet unter Wohlstandsverblendung. Wir sind nicht mehr in der Lage zu erkennen, dass wir global gesehen zu einer elitären Minderheit gehören und dass unsere Gewohnheiten extrem neu sind. Es ist eine gefährliche Mischung aus Bequemlichkeit und Überforderung, die unser tägliches zerstörerisches Verhalten normalisiert.

Zusätzlich versuchen Politik und Kapitalismus die Illusion aufrecht zu erhalten, dass dieses Wachstum trotz endlicher Ressourcen unendlich weiter gehen kann und es niemals Rückschritte geben wird. Wir werden vom politischen und wirtschaftlichen System in trügerischer Sicherheit gewogen.

Aus diesen Gründen ist es für sehr viele Menschen unvorstellbar, dass unser Wohlstand und unsere Zivilisation nur im Ansatz gefährdet sein könnten. Aus der Masse an persönlichen Lebenserfahrungen hat sich ein gesellschaftliches Vertrauen aufgebaut, dass sich alles schon irgendwie fügen wird. Es ist ein irrationales Urvertrauen, welches die komplette Menschheitsgeschichte vor dem Beginn des eigenen Lebens ausblendet.

Solange wir uns das Ende der Welt eher vorstellen können als das Ende der Wachstumsgesellschaft wird der Zusammenbruch unserer Zivilisation genau so sicher eintreten wie diese Prognosen der Wissenschaft zu den Corona-Zahlen.

Die Geschichte zeigt, dass hochtechnologisierte Zivilisationen nicht vor Zusammenbrüchen geschützt sind. Wir wissen häufig weder wie sie bestimmte Produkte herstellen konnten, noch warum es zu einem Zusammenbruch kam.

Wir haben daher zwei Möglichkeiten. Entweder wir ändern unser Verhalten vorausschauend selbst oder die Natur wird uns in aller Härte dazu zwingen.

Wenn diese Erkenntnisse breiten gesellschaftlichen Konsens erreicht haben, brauchen wir eine positive Vision der Zukunft, der sich Menschen zuwenden können. Denn Verzweiflung und Fatalismus führen ebenfalls zur Paralyse.

Das ist die Aufgabe der Politik, der sie bisher nicht nachgekommen ist. Deshalb gibt es die Klimalisten.

Ja, unser Leben wird sich rasant ändern müssen, um die Katastrophe zu verhindern. Dass rasante Veränderungen schon seit Jahrzehnten bereits geschehen, haben wir aber gerade schon festgestellt. Das Problem ist nur, dass sie vom Wachstumsdogma gesteuert absurde Ausmaße angenommen haben, wodurch sie schon lange unsere Lebensqualität senken, statt sie zu erhöhen.

Klimaschutz ist deshalb das Mittel um diese Veränderungen wieder in die richtige Richtung zu lenken. Konsequenter wissenschaftsbasierter Klimaschutz bedeutet weiterhin rasante Veränderungen – nur dass diese zu einer lebenswerten, gerechten und gesünderen Gesellschaft führen statt blind in die Katastrophe zu steuern.

Eigentlich haben wir nichts zu verlieren außer eine beschissene Zukunft.

Du kannst dich ab sofort pflanzlich ernähren. Du kannst ab sofort Verpackungen wiederverwenden oder ablehnen. Du kannst ab sofort mit dem Zug statt dem Flugzeug reisen. Und du kannst ab sofort politisch aktiv werden und gemeinsam das kaputte System mit Klimaschutz wieder in die richtige Richtung lenken.

Eine lebenswerte Zukunft ist noch möglich. Sie erfordert aber dein Handeln.